20. März 2008, Gründonnerstag 2008
 
  
Liebe Gemeinde!
 
Die drei Tage - Gründonnerstag, Karfreitag, Karsamstag - sind Tage, mit einer ganz eigenen Atmosphäre.
 
Es sind Tage der Stille, mit schweren Themen. Tage, die gelebt und ausgehalten werden müssen. Wer diese Tage lebt, sie existentiell aushalten muß - für den ist Ostern aus der heutigen Perspektive noch lange nicht im Blick.
 
Es geht um Abschied, Einsamkeit, Angst, Sterben. Es sind Themen aller Menschen, denen sich auf Dauer keiner entziehen kann. Heute Abend bedenken wir diese Themen im Blick auf Jesus. Er ist - wie so viele Menschen - diesen Weg gegangen. Und er ist ihn auf seine ganz eigene, auf eine einzigartige Weise gegangen.
 
Gründonnerstag, das Festgeheimnis des heutigen Tages, ist ein Tag des Abschieds. Jesus hat seine Jünger versammelt, zum letzten mal und auch zum letzten Abendmahl.
 
Er nimmt Abschied - in einer dreifachen Weise.
 
Im letzten Abendmahl, in der Fußwaschung und in den Abschiedsreden, die sich im Johannesevangelium an den heutigen Abend anschließen, gibt er diesem Abend eine eigene Deutung.
 
Er nimmt Abschied von den Seinen. Und er wird nicht müde, von der Notwendigkeit seines Weggehens zu sprechen, damit die Jünger sich auf neue Weise öffnen. Durch seinen Abschied machen sie eine neue Erfahrung. Sie werden offen füreinander und erleben ihre Gemeinschaft in einer neuen Weise. Sie werden offen für Gottes Geist und für Gott selber.
 
Und Jesus nimmt Abschied von sich selbst - nicht erst auf Golgotha. Der Abschied von sich selber erfolgt schon im Garten Getsemane. Dort nimmt er Abschied vom Heiligsten und Innersten des Menschen: seinem eigenen Willen: „... nicht was ich will, sondern was du willst...“ Er läßt sich ganz los - in Gottes Hand.
 
Und er nimmt Abschied - selbst von Gott. In seinem Ruf: „Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ taucht er in die tiefste und äußerste Erfahrung von Abschied ein um sich zu bereiten, sich neu zu empfangen, verwandelt, sich selber neu geschenkt zu werden. Es ist die Erfahrung der Auferstehung selber, die sich in diesem Loslassen vorbereitet.
 
In seinem dreifachen Abschied zeichnet Jesus einen Weg vor, der auch uns gilt, den wir gehen und den wir lernen müssen.
 
Es gilt auch für uns Abschied zu nehmen.
 
Abschied von unserem Nächsten. Nicht erst in der Todesstunde. Wir müssen lernen, loszulassen und nicht festzuhalten, den Menschen nicht für uns haben wollen, um ihn täglich neu als Geschenk erfahren zu dürfen.
 
Es gilt, Abschied zu nehmen - von uns selbst. Keiner kommt in seinem Leben um die Zumutung herum, sich Gott zu überlassen, wenn wir spüren, dass unsere Wünsche und Erwartungen nicht erfüllt werden und wir an die Grenzen unserer Möglichkeiten stoßen. „Nicht mein, sondern dein Wille geschehe!“ Jesus hat uns dieses Wort vorgesprochen, vorgelebt - mit allen Konsequenzen, damit wir sie nachsprechen, einüben, lernen können in den vielen kleinen und großen Herausforderungen des Alltags und so zu einer ganz neuen Freiheit finden.
 
Und es gilt auch für uns,  Abschied zu nehmen von Gott, von unseren vertrauten Gottesvorstellungen, vom Gott unserer Kindheit, vom Gott der weihevollen Stunden, vom Gott der Garantien für mein Leben. Nur so können wir den Gott finden, der immer größer ist als unsere Erwartungen und unsere Vorstellungen, der Gott, der uns bei weitem übersteigt.
 
Die Nacht des Gründonnerstag führt Jesus in den radikalen Abschied. Sie führt ihn in die letzte Entäußerung. Und mit ihm jeden, der seinen Weg des Glaubens und des Vertrauens mitgehen will.
 
Aber wir sind auf diesem Weg nicht allein.
 
Das Mahl, das wir feiern, erinnert uns an diesen Abend und an das Einüben Jesu.
 
Das Mahl hält ihn selber gegenwärtig - für uns, über die Zeiten hinweg. Dieses Mahl stärkt uns in seinem Geist und es führt uns in eine neue Gemeinschaft um seines Namens willen.
 
Amen
 
Harald Fischer
(nach Emmanuel Jungclaussen)