Liebe Gemeinde!

Pfingsten – wir feiern Geburtstag! Als Gemeinschaft der Glaubenden begehen wir heute das Gründungsfest der Kirche. Pfingsten und Kirche – beides gehört untrennbar und konstitutiv zusammen. Der Heilige Geist ist der „Gründervater“ der Kirche. Ohne Pfingsten gäbe es keine Kirche, ohne Pfingsten gäbe es uns als Gemeinschaft der Glaubenden nicht.

Wir haben den Heiligen Geist als „Gründungsurkunde“, als „Gründungsvater  für unsere Kirche – kein geringeres Fundament ist uns geschenkt. Gut, dass es der Geist Gottes selber ist, der für seine Kirche eintritt. Ein geringerer Helfer hätte wohl nicht ausgereicht, die Kirche Gottes durch die Wirren all der Jahrhunderte zu tragen.

Das ist wohl ein ausreichender Grund, dass wir uns heute Gedanken machen über das  Wesen der Kirche. Keine Angst: Ich will nicht ein Klagelied über die Kirche anstimmen: über den ausstehende Reformbedarf, über leerer werdende Kirchen und Gottesdienste, über Vor- und Nachteile der Hierarchie oder über Umstrukturierungsprozesse, die überall am Laufen sind.

Wenn wir über das Wesen der Kirche nachdenken, geht es um Anderes, viel Fundamentaleres. Wenn der Heilige Geist, wenn Gottes Geist selber das Wesen von Kirche ist, müssen wir viel weiter denken, als nur an die uns bekannten Strukturen von Kirche und Gemeinden. Kirche ist mehr als nur die uns bekannte soziale Erscheinungsform der Institution, die uns heute vertraut ist.

Im Korintherbrief steht der wunderbare Satz: „Wo der Geist des Herrn, da ist Kirche!“ (2 Kor 3,17). Vielleicht könnten wir weitergehend sagen, wo der Geist des Herrn, da ist Kirche!

Dann wäre Kirche ein „offenes System“! Ein „offenes System“: wir können sagen, wo Kirche ist – nämlich überall dort, wo Menschen sich bewußt im „Geist des Herrn“ versammeln.

Hier ist Kirche, hier in unserer Gemeinschaft, an dem Ort, wo Menschen sich gerade jetzt im Heiligen Geist, in der Gemeinschaft des Glaubens versammeln. Kirche ist – natürlich – in unseren Gemeinden, weil da Menschen sind, die bewußt aus diesem Glauben leben, der ihren Alltag prägen und verwandeln will. Kirche ist – natürlich – auch in Fulda, unserem Bischofssitz. Kirche ist – natürlich – auch in Rom, dem ersten Bischofssitz der Kirche. Kirche ist überall da, wo Menschen im Glauben an den dreieinen Gott Gemeinschaft leben und in diesem Glauben und Gebet miteinander verbunden sind.

Wir können also durchaus sagen, wo Kirche ist. Und es wird schon jetzt spürbar, dass das ein anderer, ein viel weiterer Kirchenbegriff ist, als der, der sich über Gebäude, Institutionen und Strukturen definiert.

Kirche ist da, wo der Geist des Herrn ist. Kirche ist ein offenes System.

Das bedeutet aber auch, dass wir nie sagen können, wo Kirche nicht ist. Denn wer wollte eindeutig festlegen, wo der Geist des Herrn nicht zu finden  ist. Wir können Gottes Geist nicht einschränken. Der weht, wo er will – und sehr oft über uns und unsere Möglichkeiten hinaus.

Wir müssen in diesen Zeiten – wohl auch in allen anderen Zeiten – immer wieder auf Spurensuche nach Gottes Geist in unserer Gesellschaft gehen. Wir müssen in unserer Welt suchen, um die ganze Kirche zu entdecken.

Auf Spurensuche nach Kirche gehen! Eine solche Suche  wird uns sicher auch an ungewohnte Orte führen.

Ich denke z.B. an eine Gemeinschaft von Menschen, die vor einigen Wochen zu mir gekommen sind mit der Bitte, in der Kirche beten zu dürfen. „Wir sind die Universale Kirche Gottes! Wir glauben an Christus und möchten miteinander beten!“ Universale Kirche Gottes – hab ich nie von gehört. Aber wenn jemand beten will – soll ich das verhindern? Und so treffen sich jetzt jeden Sonntag ca. 30 Menschen, die meisten aus Afrika und beten in unserer Kirche, lebendig, engagiert, leidenschaftlich -–ohne sich zur römisch – katholischen Gemeinschaft zu zählen. Kirche ist da, wo der Geist Gottes ist.

Oder ich denke an das Panama – unser Café für Wohnsitzlose in direkter Nachbarschaft unserer Kirche. Jedes Jahr feiere ich dort mit ca. 100 Menschen den Hl. Abend – nach der Kinderkrippenfeier hier in der Pfarrkirche und vor der Christmette in der Nacht. Die Menschen dort im Panama – die allermeisten würden sich hier nicht wohl fühlen: sie reden anders, denken in manchem anders, riechen vielleicht anders – und trotzdem erlebe ich da – nicht nur an Hl. Abend – eine Frömmigkeit und Ergriffenheit, die bewegend ist. Mich erinnert diese Feier durchaus an die Hirten auf freiem Feld vor Bethlehem, denen als erstes die Geburt Jesu verkündigt wurde und von denen viele auch keinen Platz in ihren traditionellen Synagogen hatten.

Kirche ist viel mehr, als unsere kleine Gemeinschaft der  Römisch – Katholischen.

Oder ich denke an viele Besuche in Krankenhäusern, in Altenheimen, im Hospiz, wo ich immer wieder Menschen begegne, die in rührende Fürsorge sich um bedürftige Menschen kümmern – die professionellen Helfer, die dort engagiert sind. Aber ich denke auch viele der Angehörigen und Freunde. Auch da finde ich den Geist Gottes, auch da ist Kirche. Auch, wenn dort unsere gewohnten Glaubensbekenntnisse und liturgischen Traditionen nicht einmal bekannt sind. Wo immer   Menschen für andere da sind, können wir den Geist Gottes finden. Da ist Kirche Jesu Christi. Es ist wichtig, dass zu erkennen, auch, wenn uns diese Gedanken vielleicht befremden.

Kirche ist tatsächlich viel weiter, viel umfassender, als wir es manchmal in unseren Debatten denken.

Unsere Aufgabe, die Aufgabe der Menschen, die bewusst Kirche Jesu Christi sind, die Aufgabe derer, die oft zur Gemeinschaft der „römisch katholischen Kirche“ gehören, ist es, als Zeugen für diese Wahrheit einzustehen. Wir sind Zeugen für eine Wahrheit, aus der sehr viel mehr Menschen leben, wie wir manchmal vielleicht selber denken und wissen. Viele, sehr viele Menschen leben aus dem Geist Gottes. Viele, sehr viele Menschen gehören zur einen „Kirche Jesu Christi“, mehr, als es manchmal selber wissen, mehr als wir uns manchmal eingestehen. Wir dürfen Zeugnis für eine Wahrheit abgeben, die uns prägt, die uns trägt, aus der wir leben, aber die uns selber bei weitem übersteigt. Kirche Gottes, Kirche Jesu Christi ist viel umfassender und größer als die römisch - katholische Gemeinschaft.

Pfingsten, das Fest des Heiligen Geistes, kann uns Anlaß sein, diese Weite des Geistes Gottes von Neuem in den Blick zu nehmen.

Wir haben tatsächlich keinen Anlaß über eine „Kirchenkrise“ zu klagen. Wir können und sollen von Neuem auf Spurensuche gehen, das Wirken des Heiligen Geistes in unserer Welt in den Blick zu nehmen. Und wir werden dabei auf die ungeheure Weite stoßen, die Gottes Geist selber ist.

Der Geist weht wo er will. Wir müssen, wir können sein Wehen nicht machen – nur entdecken.

Amen

Harald Fischer