06. 01. 2006, Fest der Erscheinung des Herrn
Mt 2,1-12
 
 
Liebe Gemeinde!
 
Christus ist das Licht der Welt. Das feiern wir auf vielfältige Weise, immer neu. Heute, am Fest der Erscheinung des Herrn kommt zum Ausdruck: über die Grenzen des auserwählten Volkes hinaus haben Menschen die Wahrheit erkannt, dass die Botschaft Gottes, die er uns in dem Kind der Krippe sichtbar macht, allen Menschen gilt. Die Magier aus dem Osten stehen stellvertretend an der Krippe für alle Menschen. Die Sehnsucht Gottes nach den Menschen ist grenzenlos.
Karl Rahner hat in einem wunderbaren Text über die Weisen aus dem Morgenland meditiert und ihren Weg als Glaubensweg interpretiert.
Ich möchte Ihnen diesen Text vorlesen. Er kann ein ganzes Jahr lang Geschenk und Wegbegleiter sein. 
Karl Rahner schreibt:
Siehe, die Weisen haben sich aufgemacht. Ihre Füße liefen nach Bethlehem, ihr Herz aber pilgerte zu Gott. Sie suchten ihn; aber während sie ihn suchten, führte er sie schon. Sie glauben nicht, daß der Mensch seinen einen Schritt unterlassen dürfe, weil Gott ja doch tausend machen müsse, damit beide sich finden.
Sie sehen einen Stern seltsam am Himmel emporsteigen. Und wenn sie auch erschrecken vor der Kühnheit ihres Herzens, so gehorchen sie doch und brechen auf. Sie gehen verschlungene Wege, aber vor Gottes Augen ist es der gerade Weg zu ihm, weil sie ihn in Treue suchen. Der Weg ist weit, die Füße werden müde und das Herz wird schwer. Es kommt sich seltsam vor, das arme Herz, weil es so anders sein muß als die Herzen der anderen .Menschen, die so ernsthaft dumm in ihren Alltagsgeschäften versunken sind, wenn sie mitleidig oder ärgerlich diese Reisenden vorüberziehen sehen auf der Reise der nutzlosen Verschwendung des Herzens.
Aber ihr Herz hält durch. Und wie sie endlich ankommen, und niederknien; tun sie nur, was sie eigentlich immer taten, was sie auf der Suche und Reise schon taten; sie bringen das Gold ihrer Liebe, den Weihrauch ihrer Ehrfurcht, die Myrrhe ihrer Schmerzen vor das Antlitz des unsichtbaren Gottes. Still, wie sie gekommen sind, schwinden sie wieder aus dem Gesichtskreis der heiligen Geschichte. Aber wer einmal sein ganzes Herz bis zum letzten Tropfen verschwendet hat an den Stern, der hat das Abenteuer seines Lebens schon bestanden, der ist angekommen, auch wenn der Weg noch weiterführt.
Lasst auch uns auf die abenteuerliche Reise des Herzens zu Gott gehen! Laßt uns aufbrechen und vergessen, was hinter uns liegt! Es ist noch alles Zukunft - weil wir Gott noch finden, noch mehr finden können. Der Weg geht durch Wüsten und Finsternisse. Aber verzage nicht: der Stern ist da und leuchtet. Du sagst, er stehe zu klein und zu fern am Firmament deines Herzens? Aber er ist da! Er ist nur klein, weil du noch weit zu laufen hast! Er ist nur fern, weil deiner Großmut eine unendliche Reise zugetraut wird!
Brich auf, mein Herz, und wandre! Es leuchtet der Stern. Viel kannst du nicht mitnehmen auf den Weg. Und viel geht dir unterwegs verloren. Laß es fahren! Gold der Liebe, Weihrauch der Sehnsucht, Myrrhe der Schmerzen hast du ja bei dir. Er wird sie annehmen. Denn du wirst ihn finden!
Karl Rahner
Wie für die Weisen so liegt auch für uns der Weg des Glaubens vor uns - ein Wagnis, das uns herausfordert.
Aber wie leer wäre ein Leben, das sich diesem Wagnis verweigert!

Amen.

Harald Fischer