20. Dezember 2009, Predigt zum 4. Adventssonntag
Lk 1, 29 – 45


Liebe Gemeinde!

Jede Geschichte hat ihre Vorgeschichte. So auch die „Frauen – Geschichte“, die Begegnung zwischen Elisabeth und Maria, von der wir heute im Evangelium gehört haben.

Die Vorgeschichte: Maria hat von einem Boten Gottes, von einem Engel eine Verheißung zugesprochen bekommen: „Du bist voll Gnade. Der Herr ist mit dir!“ (Lk 1, 28). Und: „In dir wächst durch Gottes Gnade etwas Neues. Durch dich wird Gottes Liebe selber in dieser Welt sichtbar werden!“ (vgl. Lk 1, 31 – 33).

Mit dieser Verheißung ist etwas Neues in Marias Leben getreten, das ihr Leben verändert hat. Sie hat ein neues Selbstverständnis, ein neues Weltverständnis gewonnen, das ihr ganzes Leben auf den Kopf stellt.

Eigentlich ist ihr ja nur ein Wort begegnet. Nichts in ihrem Leben deutet darauf hin, dass wirklich etwas Großes, Wichtiges geschehen wäre. Nach Außen hat sich gar nichts verändert. Ihr ist nur ein Wort begegnet, das sie innerlich erfaßt hat. Nicht mehr.

Aber das ist ja das Großartige an Maria: Sie hat sich auf dieses Wort eingelassen. Sie hat es zugelassen, das gerade dieses Wort ihr ganzes Leben verändert.

Wir erleben hier ein Zusammenspiel zwischen einem Außen und einem Innen.

Das Außen: Ihr wird von Außen etwas zugesagt, das sie selber übersteigt. Maria hätte dieses Wort nicht im Blick auf ihr eigenes Leben finden können. Sie hätte sich nicht selber zusagen können: „Gesegnet bist du Maria. Der Herr ist mit dir!“ Das hat sie nicht aus sich selbst gewußt. Unser Selbstverständnis sagt uns meist etwas anders, vielleicht sogar gerade das Gegenteil. Maria ist etwas begegnet, was Größer ist als sie selbst und was aus ihrem Leben heraus nicht ableitbar ist.

Das Innen: Sie nimmt dieses Wort an, vertraut ihm, glaubt ihm und lebt damit. Deshalb geschieht in ihr innerlich etwas entscheidend Neues.

„Selig bist du, weil du geglaubt hast, dass sich an dir erfüllt, was der Herr dir sagen ließ!“  (Lk 1, 45). So begegnet Elisabeth Maria.

„Selig bist du, weil du geglaubt hast, dass sich an dir erfüllt, was der Herr dir sagen ließ!“

Für mich ist das eines der Worte des Evangeliums, das in besonderer Weise die Herausforderung unseres Glaubens zum Ausdruck bringt.

Es ist zunächst eine Aussage, die sich auf die Zukunft bezieht.  Noch ist die Verheißung, die Maria begegnet ist, nicht erfüllt. Sie ist kein Garant dafür, dass Marias Leben von jetzt an gesichert und wohl behütet verlaufen würde. Im Gegenteil. Selbst als das Kind geboren ist, zeigt sich noch nicht die Erfüllung. Zunächst muß Maria – nach dem Zeugnis des Lukas – den beschwerlichen Weg von Nazareth nach Bethlehem auf sich nehmen. Matthäus erzählt, dass dann die Flucht und das Exil in Ägypten folgt. Später kommt es immer wieder zu Konflikten und Mißverständnissen in der Heiligen Familie bis Maria schließlich das Scheitern, das Leiden und den Tod ihres Sohnes miterleben muß.

Die Verheißung, die wir heute so feierlich begehen, ist nicht Ausdruck dafür, dass Maria ein besonders schönes und behagliches Leben hätte.

Maria glaubt in das Dunkel hinein und hat nichts, woran sie sich festhalten könnte – außer dem Wort.

Gerade deshalb ist sie für uns Vorbild im Glauben. Wir feiern sie, weil sie uns vorlebt, wozu wir auch berufen sind.

„Du bist voll Gnade! Der Herr ist mit dir!“ Da ist nicht nur ein Wort, das Maria gehört hat. Diese Verheißung gilt ebenso uns. Heute Morgen, hier im Gottesdienst ist sie uns schon mehrfach zugesprochen worden. Uns ist zugesagt, dass Gottes Liebe in uns hineingelegt ist, dass sie in uns wachsen will, dass Gott selber durch uns in dieser Welt erfahrbar, sichtbar werden will..

Wie Maria sind wir herausgefordert, diesem Wort der Verheißung zu trauen und uns von ihm durchdringen zu lassen. Wie Maria soll dieses Wort unser Selbstverständnis, unsere Weltsicht neu prägen.

Vielleicht erleben wir, wie Maria, das es auch in unserem Leben Dunkelheiten, unerfüllte Wünsche und Hoffnungen gibt. Und dennoch ist da dieses Wort, das über allem steht: das Wort einer Verheißung, das uns in unserem Leben leuchten will und das wirklich
End – Gültige zum Ausdruck bringen will.

Wir haben ein Wort – mehr nicht. Wie Maria.

Madeleine Delbrel, eine der großen geistlichen Frauen des 20. Jahrhunderts hat einmal gesagt: „Wer das Wort Gottes nicht mit der verzweifelten Entschlossenheit umfaßt, mit der ein Ertrinkender nach einem Strohhalm greift, wird seine Wahrheit niemals wirklich erfassen!“

Wir haben ein Wort. Wenn wir ihm vertrauen lernen, wird seine Wahrheit in uns heranwachsen und Gottes Wahrheit auch durch unser Leben in dieser Welt sichtbar werden. Dann wird Gott durch uns in ganz neuer Weise Mensch. Dann tragen wir dazu bei, dass Menschwerdung Gottes heute Wahrheit ist.

So können wir auf Weihnachten zugehen.

Harald Fischer