8. Februar 2009, Zum Konflikt um die Piusbruderschaft


Liebe Gemeinde!

In diesen Tagen fegt ein Sturm der Entrüstung und der Empörung über die Katholische Kirche hinweg. Vermutlich gibt es nur wenige unter uns, die nicht gezwungen waren, Stellung zu nehmen, sich zu rechtfertigen und die keine erbitterten Diskussionen und vielleicht sogar Anfeindungen erlebt haben.

Die öffentliche Sympathie aus der Endphase des Pontifikats von Papst Johannes Paul II und der „Wir sind Papst“-Euphorie nach der Wahl des deutschen Papstes ist endgültig vorbei. Viel ist kaputt gegangen - an Vertrauen, Hoffnung und Verständnis. Ich kann mich nicht erinnern, eine solche Welle der Empörung schon einmal erlebt zu haben.
Und das tragische dabei: Wir können als Katholiken diese Kritik nicht zurückweisen und uns mit Richtigstellungen begnügen oder uns verteidigen und sagen: „Das entspringt einem wachsenden antikirchlichen Denken; die Wahrheit liegt woanders.“ Fast alle deutschen Bischöfe haben ihr Befremden über die Vorgänge im Vatikan geäußert und Korrekturen verlangt.

Die öffentliche Kritik ist berechtigt. Ja, es sind Fehler gemacht worden, schlimme Fehler, die einem - gerade aus Liebe zur Kirche - den Zorn ins Gesicht treiben können.

Kein vernünftiger Mensch kann und wird dem Papst Antisemitismus vorhalten. Dafür ist seine Hochachtung den Juden gegenüber, die er ja immer wieder „die älteren Brüder“ nennt, oft genug deutlich geäußert worden.
Mittlerweile weiß auch jeder, dass der Papst zu dem Zeitpunkt, als er die Exkommunikation der Piusbruderschaft aufgehoben hat, die unsäglichen Äußerungen des Bischof Williamsons nicht gekannt hat. Es weiß auch jeder, der sich informieren will, dass die Aufhebung der Exkommunikation der Piusbruderschaft gegenüber keine Rehabilitation dieser erzkonservativen Gruppe ist. Ihre vier Bischöfe sind weiterhin suspendiert und dürfen keine priesterlichen oder bischöflichen Tätigkeiten ausüben.

Aber die eigentliche Frage steht immer noch im Raum: Warum streckt sich der Papst gerade dieser Gruppierung so weit entgegen? Warum will er sie unbedingt zurückholen? Warum erwartet er nicht zuvor von ihr das Bekenntnis zum 2. Vatikanischen Konzil und die Treue zum Papst und unserer Kirche? Normalerweise kommt vor der Vergebung das Eingeständnis der Schuld, die Reue und die Bereitschaft zur Umkehr. Nichts davon kann man bei der Piusbruderschaft erkennen.

Die Piusbruderschaft zeichnet sich dadurch aus, dass sie wesentliche Teile des Konzils ablehnt. Es sind genau die Aussagen des Konzils, in denen die katholische Kirche sich mit Hochachtung gegenüber den Menschen äußert, die nicht der katholischen Kirche angehören, denen, die an keinen Gott glauben können, aber dennoch der Stimme ihres Gewissens folgen und es geht um eine Hochachtung den anderen Religionen gegenüber, den Moslems, den Juden und auch den Christen aus der Reformation. Das 2. Vatikanische Konzil sagt, dass auch dort „Spuren der Wahrheit Gottes“ zu finden sind. Diese Offenheit lehnt die Piusbruderschaft ab. 

In dem aktuellen Konflikt geht es eben nicht nur um den Streit, in welchem Ritus die Messfeier gehalten werden darf. Es  geht um die grundsätzliche Öffnung der katholischen Kirche auf unsere moderne Welt hin. Sie ist in diesen Tagen in Frage gestellt. Die Piusbruderschaft hat in den letzten Tagen mehrfach erklärt, dass sie „die Bekehrung“ Roms will. Und die Rücknahme der Exkommunikation wertet sie als weiteren wichtigen Erfolg auf ihrem Weg. Und das ist unerträglich.

Warum wirbt der Papst gerade um diese kleine Splittergruppe, die so unglaublich rückwärtsgewandte Haltungen vertritt, dass sich in ihr sogar ein so unerträglicher Antisemitismus findet, wie er durch den Holocaustleugner Bischof Williamson sichtbar geworden ist?
Warum wirbt der Papst nicht mit der gleichen Energie und Kompromissbereitschaft zum Beispiel um die Christen aus der Reformation?
Für den Moment sind es Fragen, die offen sind und noch keine Antwort finden.

Es bleibt die Frage: Was können wir Katholiken in dieser Situation tun? Manche neigen dazu, zu resignieren oder fragen sich, ob sie diese Kirche nicht verlassen sollten.
Der Novizenmeister der Jesuiten, P. Mertes hat für mich eine sehr gute Antwort gegeben:
Es gilt: Auftreten, nicht austreten!
Es wäre fatal, die Kritik an den Vorgängen im Vatikan den Kirchenfeinden zu überlassen, die mal wieder all ihre Vorurteile bestätigt sehen und triumphieren.
Es gibt eine lieblose Kritik, und es gibt eine Kritik aus Liebe. Schweigen kann auch ein Zeichen für einen Mangel an Liebe sein. Einfach das Unangenehme und Schmerzliche wegschieben, weitermachen wie bisher, den Kopf in den Sand stecken und warten, bis der Sturm vorüber ist - das alles hat nichts mit dem "sentire cum ecclesia" zu tun, wie es die Heiligen der Kirchengeschichte verstanden. 
Es gibt ein Schweigen aus Loyalität, es gibt aber auch einen Widerspruch aus Loyalität. Der ist jetzt dran. Nur wenn wir Katholiken nach innen hin offen sind, können wir auch ungeteilten Herzens im Hochgebet der Eucharistiefeier unsere "Einheit mit dem Papst, unserem Bischof und allen Bischöfen" aussprechen, wie wir es im Hochgebet tun.

Schließlich gibt es ein Stichwort, das mir in diesen Tagen öfters gekommen ist: "Weltfremdheit". Die Kirche scheint mir in der Gefahr, weltfremd zu werden. Es gibt eine "Weltfremdheit", die gefährlich ist. Alfred Delp hat das in seiner Haft 1945 kurz vor seinem Tod der Kirche schon als Existenzfrage ins Stammbuch geschrieben.
Die Kirche ist in der Welt. Weltfremdheit in unseren Reihen ist keineswegs nur ein kurioser Anachronismus, sondern gefährlich, so wie ein Geisterfahrer sich und andere gefährdet, gerade dann, wenn er alle entgegenkommenden Autos für Feinde hält. Es sollte uns zu denken geben, wenn wir meinen, alle Welt sei uns feindlich gesinnt. Das eigentliche Problem sind vielleicht wir selbst.

Nicht jeder, der in diesen Tagen die Kirche kritisiert, hat deswegen schon recht. Aber daraus folgt nicht, dass es keinen Anlass gäbe, nachdenklich zu werden über uns selbst als Kirche.
Es wäre ein Gewinn für die Kirche und für die Welt, wenn aus der fatalen Entscheidung des Vatikans ein geistvolles Nachdenken wachsen würde. 
Dann hätte der Heilige Geist auch auf dieser neuesten krummen Zeile etwas Gerades geschrieben. Dass er das kann, daran glaube ich fest.

Harald Fischer