24. Dezember 2007, Heiligabend
Lk 2, 1-14
 
 
Liebe Gemeinde!
  
Wen rührt die Geschichte nicht an!
 
Und - wie vieles rührt sie an:
Erinnerungen aus der Kinderzeit,
Erinnerungen an Weihnachtsabende und -feiern und Gottesdienste.
 
Und wer sonst auch innerlich sich von Glaube und Kirche entfernt hat: von dieser Geschichte wird man eingeholt. Und von dieser Geschichte lassen sich die meisten gern einholen - wenigstens für diesen Abend.
 
Aber wir wissen auch um den Kontrast, die Gegensätze und Widersprüche. Wie vieles im eigenen Leben, in der Weltsituation und - auch - in den Kirchen, passt nicht zu dieser heiligen Geschichte!
 
Diese Erzählung aus der weihe-vollen, heilgen Nacht hat scheinbar nichts mit uns und dem eigenen Leben zu tun.
 
„Es begab sich aber zu der Zeit ....“  Nein! In unserer Zeit begibt sich ganz Anderes! Unsere Zeit ist nicht so! Nicht heilig und nicht weihevoll!
 
Aber die Weihnachtsgeschichte des Lukas selber ist schon eine gestörte, gegensätzliche und widersprüchliche Geschichte.  Sie erzählt  von der Welt, wie sie ist - wie sie damals war, mit all ihrem Unheil.  Sie ist von Anfang an eine gestörte, unheile und unidyllische Geschichte.
 
Wir müssen nur die vertrauten Worte und Sätze in ihrer ursprünglichen Nüchternheit hören und aushalten.
 
„Es begab sich aber zu der Zeit ...“  Weihnachten ereignet sich also in unserer Menschenzeit, zusammen mit allem Anderen, was auch zu jener und in unserer Zeit geschieht.
 
In keiner privilegierten Schon- oder Schutz- oder Immun-Zeit passiert Weihnacht. Nicht in einer mystisch-frommen Ich- und Innen-Zeit. Auch nicht in der Kuschel-Zeit einer frommen Gemeinde.
 
„Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von Kaiser Augustus ausging ...“
 
Weihnachten geschieht in einer Zeit, in der es einen Kaiser Augustus gab - und gibt. Es ist eine Zeit, die genau wie heute von den Mächten und Machtspielen und -drohungen besetzt war und ist. Von einer so genannten „Pax Romana“, die diesen Frieden durch Legionen von Soldaten, durch Gewalt und Terror, durch Unterwerfung, Unterdrückung und Ausbeutung durchsetzte. Die Zeit hat sich nicht geändert. Es ist heute noch genau, wie damals. Damals meinte der Kaiser, dass seine Sicherheit, die Sicherheit Roms in dem entfernten Flecken Palästina gesichert und durchgesetzt werden müsste. Heute meinen die Mächtigen, dass unsere Sicherheit am Hindukusch verteidigt werden muss. Damals wie heute wurden die einfachen Leute deshalb unterdrückt und hatten sie zu leiden.
 
Von diesem Kaiser Augustus heisst es: „dass ein Gebot ausging, dass alle Bewohner in Steuerlisten einzutragen wären...“. Ungefragt werden die Menschen von Verwaltung und Bürokratie erfaßt und umhergehetzt, von Pontius zu Pilatus, von der Einwohnerkontrolle zur Fremdenpolizei, vom Steueramt zum Verhörrichter usw. Die wenigstens von uns hier ahnen, welche Schikanen damit verbunden sein können.
 
Und sie wurden in ihre Orte gehetzt. Josef musste in seine Stadt gehen, „... die Bethlehem heißt“.
 
Ausgerechnet Bethlehem! Kassel, Baunatal, Vellmar... , die meisten Städte wären tausendmal besser gewesen. Bethlehem, wörtlich „Haus des Brotes“, war damals und ist heute wieder eine ungastliche und unwohnliche Stadt, befestigt und bewacht mit Panzern und Scharfschützen. Wenn wir singen „... zur Krippe herkommet in Bethlehems Stall ...! hat das wahrlich nichts weihe - volles. Es ist eher zum Heulen, damals und heute.
 
Das ist der Ausgangspunkt unserer Weihnachtserzählung. In diese Situation hinein wird Jesus geboren. Da hinein, in eine solche Welt, in eine Krippe, die in dieser ungastlichen Welt steht, legt Maria ihr Kind. Die Welt war wirklich nicht gut vorbereitet auf dieses Ereignis.
 
Liebe Gemeinde!
 
In diesen Tagen sagte mir jemand: „Ich bin in diesem Jahr nicht gut eingestimmt und vorbereitet auf Weihnachten. Ich kann nicht mit offenem Herzen zur Krippe gehen!“ Bei diesem Menschen hatte sich so viel Schmerzliches ereignet, dass jetzt nur noch Trauer und Verschlossenheit zu spüren waren. Vielleicht geht es manchen von Ihnen, die jetzt hier zur Heiligen Nacht in die Kirche gekommen sind, ähnlich: Da sind vielleicht ganz andere Gefühle, als die heiligen, die wir in dieser Nacht gern hätten.
 
Weihnachten - das ist der Weg Gottes zu uns. In unsere Dunkelheit hinein schenkt er sich. Das konkrete Leben, mein konkretes Leben - auch mit den möglichen Störungen und Irritationen - ist der Ausgangspunkt für Weihnachten.
 
Die Hirten auf dem Feld haben die Worte der Engel gehört: „Fürchtet euch nicht, ich verkünde euch große Freude!“ Diese Botschaft war nicht vorbereitet in den Menschen, die diese Worte zum ersten Mal hörten. Ausgerechnet die Hirten sollten sie als Erste hören.
 
Den Hirten, uns, Ihnen allen gilt diese Botschaft. Ob wir in passenden oder unpassenden Situationen leben, ob in stimmigen oder in einem ganz und gar unstimmigen Leben :
 
Uns ist der Heiland geboren, Christus ist’s der Herr.
 
Umstellt von einer solchen Welt, in der es Vertreibung und Heimatlosigkeit gibt und ausgerechnet in Bethlehem ertönt der Gesang der Engel: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seiner Gnade!“
 
Weiß Gott: eine robuste Geschichte in einer realen und realistischen Welt.
 
Gott wartet mit Weihnachten nicht bis wir ihm eine passende stimmige Umgebung, Welt und Geschichte bereitet haben. Er startet seine - andere - Geschichte von sich aus.
 
Eine andere Geschichte, aber: nicht neben, sondern inmitten und quer zur sonstigen Welt und Geschichte.
 
Die Botschaft der Engel, die Gegenwart des heilenden und befreienden Gottes in diesem Kind ist nicht eine so andere Geschichte, dass sie die übrige Geschichte unberührt ließe.
 
Diese andere Zeit und Geschichte, Gottes Geschichte, ist vielmehr eine andersmachende, eine ver-ändernde Zeit und Geschichte. Sie kommt unserer Welt, unseren Denk- und Handlungsgewohnheiten in die Quere. Sie fängt schon an, obschon Vieles noch unerlöst und heillos ist - und sie setzt eine veränderte Geschichte in Gang.
 
Kaiser Augustus - das ist eigentlich der Name für Macht schlechthin.  Er spielt in dieser Geschichte Gottes keine Rolle mehr. Er ist nur noch Staffage für das Kind in der Krippe. Lukas erwähnt Augustus nicht mehr. Es ist eben nicht der Kaiser, der den Anspruch erheben kann, Gott zu sein.
 
Auf der ersten Seite der Bibel wird erzählt: Gott schuf den Menschen nach seinem Bild. Als Abbild Gottes schuf er ihn!“ In dieser Nacht feiern wir die Vollendung der Schöpfung. Seit heute Nacht ist sichtbar: Im Menschen sehen wir Gott selber. Das Kind in der Krippe steht mit seinem Leben dafür ein.
 
Es sind nicht mehr die dröhnenden Stiefel der Militärs, nicht der Friede, der durch römische Legionen oder deutsche Panzer erzwungen wird, auf den wir uns verlassen könnten.
 
Das Kind in der Krippe spricht die Sprache Gottes, die gilt und bleibt. Karl Rahner hat es einmal so ausgedrückt: „Wenn wir sagen: Es ist Weihnacht, dann sagen wir: Gott hat sein letztes, sein tiefstes, sein schönstes Wort im fleischgewordenen Wort in die Welt hinein gesagt, ein Wort, das nicht mehr rückgängig gemacht werden kann, weil es Gottes endgültige Tat, weil es Gott selbst in der Welt ist. Und dieses Wort heißt: Ich liebe dich, du Welt und du Mensch.“
 
Amen
 
Harald Fischer
(nach einer Anregung von Dietrich Wiederkehr)