15. Mai 2005, Pfingstsonntag - Einführung als Diakon
1 Kor 12, 3b-7.12-13


Liebe Gemeinde!

„Heute Nacht, aber es war wohl morgens, wenn die Träume kommen, dann kam auch zu mir einer. Was darin geschah, weiß ich nicht mehr, aber es wurde etwas gesagt, ob zu mir oder von mir selbst, auch das weiß ich nicht mehr.
 
Es wurde also gesagt, wenn der Mensch geboren wird, wird ihm ein Wort mitgegeben, und es war wichtig, was gemeint war: nicht nur eine Veranlagung, sondern ein Wort. Das wird hineingesprochen in sein Wesen, und es ist wie das Passwort zu allem, was dann geschieht. Es ist Kraft und Schwäche zugleich. Es ist Auftrag und Verheißung. Es ist Schutz und Gefährdung. Alles, was dann im Gang der Jahre geschieht, ist Auswirkung dieses Wortes, ist Erläuterung und Erfüllung. Und es kommt alles darauf an, dass der, dem es zugesprochen wird - jeder Mensch, denn jedem wird eins zugesprochen - es versteht und mit ihm ins Einvernehmen kommt.“
 
Diese hellsichtigen Worte stammen aus dem Tagebuch von Romano Guardini, einem der großen Religionsphilosophen des letzten Jahrhunderts, 1964 aufgeschrieben. Es ist ein pfingstlicher Traum. Deshalb erzähl ich ihn. Heute an Pfingsten feiern wir ja, dass uns allen, jedem von uns, ein solches Wort innewohnt - im Herzen oder in der Seele, sagen wir. Es ist der Geist Gottes. Diese innere Stimme, die mir sagt: Es gibt mich - aus einem tieferen Grund. Eher ein Gefühl, als dass ich diesen Grund klar nennen könnte. Eine Unruhe, ein Getriebensein, eine Kraft im Verborgenen, die mich antreibt. Mich ausstattet mit Gnade. „Es gibt verschiedene Gnadengaben, aber nur den einen Geist. … Es gibt verschiedene Kräfte, die wirken, aber nur den einen Gott: Er bewirkt alles in allen“, heißt es in der Lesung von heute, im 1. Korintherbrief (12, 4-6). Alles, was in der Welt in Gang kommt und geschieht, ist Auswirkung dieses Geistes.
 
So auch bei uns. Im Innersten unseres Herzens wissen wir: Ich muss meinem Lebenswort, meiner Geist-Begabung folgen. Darin liegt meine Berufung. Ich kann ja gar nicht anders. Ihr könnt ja gar nicht anders. Als Getaufte auf Christi Namen seid ihr zu göttlichem Leben berufen. Mit heiligem Geist begabt. Also muss da was sein –, was noch schlummert und doch endlich rauskommen möge. Wenn ich dieses innere Wort von Gott, seinen Ruf doch deutlicher hören und verspüren könnte! Und endlich rauskäme, was Sache ist.
 
Pfingsten ist der Tag, an dem das geschehen ist. Die Jünger reißen die Türen und Fenster weit auf und trauen sich raus. Sie rücken raus mit der Sprache: „Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und begannen, in fremden Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab“ (Apg 2, 4). Jedem von ihnen geht jetzt ein Licht auf: Das ist es! Meine Berufung, mein Wort! Das Wort des Lebens: Jesus, der getötet wurde und begraben und auferweckt am dritten Tag - er ist der Herr! So ist es! - „Keiner kann sagen: Jesus ist der Herr!, wenn er nicht aus dem Heiligen Geist redet“, steht denn auch in unserem Text im Korintherbrief (V 3b).
 
Pfingsten ist der Tag dieser großen Offenbarung - für die, die dabeigeblieben sind und nicht nachgelassen haben in der Hoffnung, die in ihnen war. Dem Wort, dem die Jünger vertraut haben, dem sie nachgelaufen sind bis Golgotha und über Golgotha hinaus, es ist wahr. Es ist das neue Schlüsselwort. Jesus ist der Christus. Jetzt ist es raus: Die Botschaft Jesu vom Reich Gottes ist keine Täuschung, keine Einbildung eines Hochstaplers oder Schönredners.
 
Und noch mehr kommt zum Vorschein. Der Plan, den Gott mit dieser Welt hat, baut auf den Menschen. Das ist eine unglaubliche Adelung, im Grunde ein Geheimnis. Gottes Geist begibt sich in menschliche Ausdrucksformen; er verlässt sich auf unsere Sprache, auf unsere Sprachkunst, unsere Zeichen, Gesten. Auf das, was vom Geist Gottes in uns zum Vorschein kommt - so unterschiedlich wie wir Menschen sind: „Dem einen wird vom Geist die Gabe geschenkt, Weisheit mitzuteilen, dem andern durch den gleichen Geist die Gabe, Erkenntnis zu vermitteln, dem dritten im gleichen Geist Glaubenskraft, einem andern - immer in dem einen Geist - die Gabe Krankheiten zu heilen“ (V. 8f) und so weiter. Man muss nur hier herumschauen und fände kein Ende. Der Geist Gottes ist der Schlüssel, das Codewort Gottes zu unserer ureigenen Begabung. Ohne diesen Geist gäbe es keine Rührung, keine Bewegung, ja, wären wir und die Welt um uns herum lebendig tot. Deshalb heißt es im Korintherbrief: „Jedem (aber) wird die Offenbarung des Geistes geschenkt, damit sie anderen nützt“ (V. 7)
 
Wem nützt der Geist und wodurch? - „Durch den einen Geist Gottes wurden wir in der Taufe alle in einen einzigen Leib aufgenommen, Juden und Griechen, Sklaven und Freie; und alle wurden wir mit dem einen Geist getränkt“ (V. 13), schreibt Paulus den Korinthern ins Stammbuch. Der Leib Christi aber besteht aus vielen Gliedern. Wir sind kraft des Geistes Gottes dieser lebendige Leib Christi, jeder einzelne mit seiner Begabung ein Glied an ihm. Eine Stärke oder Schwäche, eine große oder kleine Hoffnung, auf die nicht verzichtet werden kann. Auf „dass alle Glieder … füreinander sorgen“ (V. 25b). Die im Herrn versammelte Gemeinde, wir hier und andere anderswo, spielen in den Plänen Gottes eine tragende Rolle. Wir sind keine Statisten und verschwinden nicht irgendwann hinter irgendeiner Kulisse. Es gibt keinen, der für uns den Souffleur spielen könnte. Unsere Rolle im Welttheater Gottes gibt es nur im Original - ein einziges Mal - und immer jetzt, in diesem Augenblick.
 
Frohe Pfingsten!
 
Ludger Verst, Diakon