200-jähriges Ordensjubiläum der Schwestern der Hl. Maria Magdalena Postel
 

Liebe Festgemeinde!
 
„Durch den Glauben wohne Christus in eurem Herzen. In der Liebe verwurzelt und auf sie gegründet, sollt ihr zusammen mit allen Heiligen dazu fähig sein, die Länge und Breite, die Höhe und Tiefe zu ermessen und die Liebe Christi zu verstehen, die alle Erkenntnis übersteigt.“
 
Dieses Wort aus dem Epheserbrief spiegelt sehr anschaulich die Spiritualität der Hl. Maria Magdalena Postel, deren Ordensgründung vor 200 Jahren wir in dieser Gottesdienstfeier dankbar erinnern.
 
„In der Liebe verwurzelt und auf sie gegründet“ - Maria Magdalena übersetzt dieses Wort folgendermaßen in die ihr ureigene Praxis:
 
„Die Jugend bilden,
 
die Armen unterstützen
 
und nach Kräften Not lindern.“
 
Das ist ihr Motto, das äußere Zeugnis ihres Ergriffenseins von der Liebe Christi. Wenn ich ihr Leben und ihre Spiritualität auch nur annähernd beschreiben könnte, dann vielleicht in dieser Weise: Maria Magdalena kommt nicht, um großmütig etwas mitzuteilen, was ihr gehörte: nämlich Gott. Sie versteht sich nicht als Gerechte unter Sündern, als jemand, die einen wie auch immer gearteten Vorsprung unter angeblich Ungebildeten oder Ungläubigen besäße; eher versteht sie sich als eine Frau, der vergeben worden war, aber nicht als Unschuldige; als ein Mensch, der das Glück hatte und die Gnade erfuhr, zum Glauben gerufen worden zu sein, diesen Glauben als ein kostbares Gut empfangen zu haben, ein Gut, das sie nicht nur für sich allein besitzt, sondern in ihr hinterlegt ist für die Welt: Genau daraus ergibt sich ihre Lebenshaltung, ihre Spiritualität; eben dies erklärt ein wenig das Geheimnis ihres unermüdlichen Schaffens, ihrer stets neuen Hoffnung angesichts all der zum Teil schlimmen Rückschläge, die sie hat hinnehmen müssen.
 
Vielleicht kann man sagen: Maria Magdalenas Bemühen ist es, Gott einen Ort in dieser Welt zu sichern. Das klingt, als wäre zu ihrer Zeit die Existenz Gottes, das Bezeugtwerden seiner Liebe in Frage gestanden - dies war tatsächlich so, ja mehr noch: Sie hat die schmerzliche Erfahrung gemacht, dass Gott selbst zu den Verfolgten des damaligen Frankreich gehörte, der keinen Platz haben durfte in der Gesellschaft, dessen Liebe und Menschenfreundlichkeit verschwiegen werden musste. Auf diesem Hintergrund ist der Mut Maria Magdalenas zu bewundern, eine Gemeinschaft zu gründen, die Gott als Verfolgtem und Verlachtem einen Platz einräumt. In Gemeinschaft leben heißt für sie: Die Gegenwart Gottes sicherzustellen. „Ein Gemeinschaftsleben, das in ganzer Liebe gelebt wird, ist wie ein Streichholz, auf das man kaum verzichten kann, wenn man ein Feuer anzünden will unter den Menschen, die uns umgeben“, sagt Madeleine Delbrel.
 
Wo Gottes Platz in dieser Welt bestritten wird, wo er nichts mehr zählt, da werden zu allererst die Kleinen, die Schutz- und Wehrlosen verfolgt und benachteiligt - diesen Zusammenhang hat Maria Magdalena immer gesehen! Deswegen ist es ihr ein Anliegen, die Jugend zu bilden, den jungen Menschen den Keim einer Hoffnung zu schenken, der über das bloße Vorfindliche des Lebens, über das angeblich Selbstverständliche und vermeintlich Notwendige hinausweist. „Die Jugend bilden“ heißt für sie nicht allein Bildung im schulischen und beruflichen Sinn, sondern die Anstiftung zu einer „Sehnsucht nach dem ganz Anderen“, wie es ein neuzeitlicher Philosoph einmal bezeichnete.
 
Die Gründung des neuen Ordens ruht für Maria Magdalena Postel auf zwei Grundpfeilern: Gebet und Arbeit. Das Beten hat das Mädchen Julie Postel, die spätere Maria Magdalena Postel, zu Hause in ihrer Familie kennen gelernt, später als Jugendliche in einem Benediktinerinnenkloster, in dem sie zwei Jahre lebte. Eine ihrer Erfahrungen mit dem Gebet: Beten bewahrt mich davor, im Eigenen und Gewohnten zu ersticken, hilft mir, mir selbst zu entkommen, mehr wahr zu nehmen als mich selbst. Beten bedeutet für Maria Magdalena Postel zuzulassen, dass Gott mich anschaut, das Anblicken Gottes auszuhalten und seinen Blick, was bewirkt, dass ich seine Ansicht verstehe, seinen Willen. Beten heißt auch wahrzunehmen, dass, indem mich Gott ansieht, ich Ansehen gewinne; etwas richtet sich in mir auf, wird heil, gesund, stark.
 
Der zweite Grundpfeiler ist das Arbeiten. Als Jugendliche hat sie von dem Lebenswerk Jean Baptist de La Salles gehört: Dieser hatte 100 Jahre zuvor sowohl das Bildungsverständnis in Frankreich revolutioniert als auch die bis dahin gängige Ordensspiritualität: Er gründet Volksschulen für Knaben aus den unteren Schichten, Träger dieser Schulen ist sein neu gegründeter Orden. Dafür verzichtet er auf eine einträgliche Lebensstellung: Eine Domherrenstelle und die damit verbundenen Pfründe!
 
Hundert Jahre später geht Maria Magdalena auch diesen Weg - und noch einen Schritt weiter: Als Frau gründet sie einen Orden, der sich der Erziehung und Bildung von Mädchen aus der Unterschicht annimmt! Hört sich sozial- und kirchenrevolutionär an - und das ist es auch; vor allem aber bedeutet es immer wieder Kampf, Ablehnung, Armut und Entbehrung. Unvorstellbar, was diese Frau geleistet hat: Mit dieser in langen Jahren nur kleinen Schar von Mitschwestern; immer hart an der materiellen Existenzgrenze. Immer unter Legitimationsdruck: Warum ausgerechnet die Armen (Kinder aus reichen, adligen Familien können doch hervorragend ein Kloster materiell absichern!), warum ausgerechnet Mädchen (aus denen werden doch ohnehin nur Mütter!)?
 
Ich möchte an dieser Stelle nur kurz zwei mir wichtige Aspekte nennen, welche Funktion ich den Orden in Kirche und Gesellschaft zurechne, und stütze mich dabei auf Gedanken von Johann Baptist Metz:
 
1.      Sie besitzen eine innovatorische Funktion für die Kirche; d.h. weil sie in den meisten Fällen von den Rändern der Gesellschaft bzw. der Kirche her entstanden sind, haben sie oft einen sowohl gesellschaftlichen wie kirchlichen Wandel initiiert - oft unter großen Widerständen, Missverständnissen, auch Verfolgungen. Maria Magdalena Postels Ordensgründung erfüllt genau dieses Kriterium.
 
2.      Orden sind Korrektive; sie sind eine Art Schocktherapie des Heiligen Geistes für die Großkirche: Gegen gefährliche Arrangements und fragwürdige Kompromisse der Kirche klagen sie die Kompromisslosigkeit des Evangeliums und der Nachfolge ein. Sie sind in diesem Sinne die institutionalisierte Form einer gefährlichen, oft auch ärgerlichen Erinnerung inmitten der Kirche.
 
Auch dieser Aspekt von Ordensspiritualität und -aufgabe widerspiegelt sich in Maria Magdalenas Wirken. Diese Frau ist unbequem und sperrig, sie weiß was sie will. Eine Emanzipierte also? Nach unserem heutigen Verständnis - wer weiß; aber auf jeden Fall eine, die einer Berufung folgt! Die eine unumstößliche Grundüberzeugung besitzt: Ich habe einen Auftrag in dieser Welt und für diese Welt, und für die Kirche! Die aus einem Gottvertrauen lebt, das rational nicht eingeholt werden kann. Als die aus Trümmern mühselig errichtete Abteikirche zusammenstürzt, richtet sie diese ein zweites Mal auf. In das neue Fundament lässt sie die Worte meißeln: „Gottvertrauen“.
 
Als Maria Magdalena Postel ihre Ordensgemeinschaft gründet, ist sie bereits 51 Jahre alt. Mit 76 Jahren erst ist die Abtei bezugsfertig - die längste Zeit ihres Lebens verbrachte sie provisorisch, einzig ausgestattet mit Glauben.
 
Ich wünsche uns allen hier, ob unter oder über 51 Jahre, den Blick auf unsere Arbeit und unser Leben als auf ein Provisorium; wir brauchen das Endgültige nicht zu schaffen; wir müssen nicht fertig werden; wir müssen auch weder die Kirche, noch unsere Engelsburg, noch den Orden neu erfinden. Aber wir können uns anstecken lassen von dieser Frau, die ihren Glauben mutig und kraftvoll in einer gott-gleichgültigen, ja oft gott-feindlichen Umwelt kenntlich gemacht hat.
 
Amen.
 
Otmar Leibold
Schulseelsorger Engelsburg